Deutschsprachige Fassung Ein kognitives Curriculum zur Förderung grundlegender Lernfähigkeiten für Kindergartenkinder, Vorschulkinder und Schulanfänger Übersetzung des "Bright Start" Cognitive Curriculum for Young Children (CCYC) H. Carl Haywood, Penelope Brooks and Susan Burns in collaboration withThe Cognitive Early Education Group Übersetzung durch Rolf Nyfeler, Zürich in Zusammenarbeit mit Lehrkräften und pädagogisch-therapeutisch Tätigen
Inhalt - Ziel und Zweck des Programms - Kleingruppeneinheiten
die weiteren Module des Curriculums - Lernförderung - Strukturen des Tages - Elternarbeit
- Theoretischer Hintergrund - Fortbildungs-Workshops
Ziel und Zweck des Programms
"Bright Start" wurde entwickelt, um Kindergartenkindern, Vorschulkindern und Schulanfängern grundlegende Lernfähigkeiten zu vermitteln. Es führt im Sinne Piagets vom symbolischen zum konkret-operativen Denken. Das Curriculum fördert jene kognitiven Fähigkeiten, die Kinder für schulisches Lernen brauchen. Kleingruppeneinheiten Das Curriculum besteht im Kern aus sieben Kleingruppeneinheiten. Jede fördert einen spezifischen Aspekt der kindlichen Entwicklung. Die Lektionen können in Gruppen mit 3-5 Kindern unterrichtet werden. Eine Lektion dauert in der Regel 15-20 Minuten. Jede Kleingruppeneinheit enthält 15-25 Lektionen. Insgesamt umfassen die 7 Kleingruppeneinheiten 150 Lektionen.
Einheit 1: Selbststeuerung. Diese erste, grundlegende Einheit hilft den Kindern, ihre Bewegungen (ihr motorisches Verhalten) bewusst zu steuern und zu kontrollieren. Die Kinder lernen ihren Körper kennen. Sie lernen ihre Aufmerksamkeit und ihre Reaktionen auf äussere Signale bewusst und dosiert zu lenken. Sie entwickeln die Beziehungen von sich zum Raum und dadurch räumliche Konzepte.
Einheit 2: Quantitative Relationen. Diese Einheit führt in die Welt der Mengen und Zahlen ein. In der Umsetzung der Theorien von Piaget gestalten die Kinder zuerst Eins-zu-eins-Beziehungen (immer ein Tellerchen für einen Zwerg), dann lernen sie die Ordinalzahlen kennen (erstens, zweitens, drittens) und lernen zählen. Später erfassen sie, was eine Menge, bzw. eine Kardinalzahl ist (vier Bleistifte). Sie lernen Strategien des Zählens und Vergleichens. Dies hilft ihnen, in der Welt konkret-operational zu handeln.
Einheit 3: Vergleichen. Diese Einheit vermittelt den Kindern, auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Formen zu achten. Die Kinder werden in dieser Einheit zum ersten Mal in das Arbeiten am Tisch mit Arbeitsblättern und Farbstiften eingeführt. Indem sie den formalen Aufbau von Arbeitsblättern kennen lernen (mit Modell und Regeln zum Ausfüllen), werden sie fähig, kreativ eigene Arbeitsblätter für die andern Kinder zu entwerfen.
Einheit 4: Rollenübernahme. In dieser Einheit entwickeln die Kinder die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen und sich in die Rolle von andern zu versetzen. Zuerst erleben sie unterschiedliche Perspektiven im physikalischen Raum (ein Auto von oben oder von vorne). Später schlüpfen sie in die Rollen unterschiedlicher Tiere, spielen und diskutieren die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Gefühle der Tiere. Dies führt zum Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen von Menschen in menschlichen Beziehungen (was der eine liebt, hasst die andere). Die Kinder lernen, Gefühle und Ansichten von andern wahrzunehmen und in ihr Handeln einzubeziehen. Dadurch hilft diese Einheit, schwierige, konflikthafte Situationen zu lösen.
Einheit 5: Klassifikation. Die Kinder lernen in dieser Einheit, Dinge oder Ereignisse in Gruppen zu ordnen. Sie lernen, bestimmende Merkmale einer Klasse zu erkennen. Sie lernen, Dinge nach neuen oder anderen Kriterien umzuordnen. Vom Sortieren (Klassifizieren durch Handeln) führt die Einheit zum Klassifizieren im Kopf (ohne äussere Anwesenheit der zu klassifizierenden Dinge). Klassifikationssysteme des Alltags werden erforscht (Welche Dinge gehören in den Keller? Welche in die Küche? Und wieso? Wo befindet sich der Blumenkohl oder die getrockneten Ananasstückchen im Selbstbedienungsladen?) Die Kinder lernen wichtige Oberbegriffe.
Einheit 6: Seriation. Diese Einheit führt in den Umgang mit Reihen und Folgen ein. Die Kinder lernen, Prinzipien und Regeln von Folgen zu erfassen. Sie lernen die wichtigsten Reihenfolgen kennen (etwa Abwechseln, immer mehr, immer grösser oder zweimal dies, einmal das). Immer geschickter lernen sie, solche Folgen mit den unterschiedlichsten Gegenständen oder Ereignissen zu gestalten (etwa Folgen bilden mit Schuhen, Tönen, Klötzen oder Bewegungen). Sie entdecken, dass ihre Umwelt voller Folgen unterschiedlichster Art ist.
Einheit 7: Unterscheidende Merkmale. Diese Einheit fördert nochmals viele der in den vorangegangenen Einheiten gelernten Fähigkeiten, und zwar im Umgang mit buchstabenähnlichen Formen. So fasst diese Einheit zusammen und führt gleichzeitig darüber hinaus in Richtung schulisches Lernen. Die Kinder lernen, auf entscheidende Merkmale der Buchstabenformen zu achten. Sie sortieren, vergleichen und zählen die Formen. Sie bilden Muster und Arbeitsblätter mit ihnen. Dieser vertraute Umgang wird ihnen später helfen, die Buchstaben des Alphabets zu lernen. Als kognitives Curriculum liegt das Augenmerk von "Bright Start" nicht nur auf dem "Was-lerne-ich", sondern vielmehr auf dem "Wie-lerne-ich". Wichtig ist, wie die Kinder lernen. Gefördert wird, altersgemäss über das Lernen und Denken nachzudenken. Der Lehrperson ist wichtig, wie sich die Lernmotivation und das Selbstwertgefühl der Kinder entwickelt. Sie beobachtet, wie die Kinder immer fähiger werden, Ideen aus einem Gebiet in einen anderen Zusammenhang zu transferieren.
Die Kleingruppeneinheiten sind stark prozessorientiert. Ihr Fokus liegt auf kognitiven Fähigkeiten und grundlegenden Fertigkeiten.
Die weiteren Module des Curriculums Die weiteren Module des Curriculums zur Lernförderung, zur Tagesstruktur und zur Elternarbeit generalisieren, transferieren und vertiefen die in den Kleingruppeneinheiten erworbenen Fähigkeiten. I. Die Module der Lernförderung
Der vermittelnde Lehrstil. Wie Lehrpersonen vermitteln hat einen grossen Einfluss, wie Kinder später lernen und auch, wie gern sie lernen. Der vermittelnde Lehrstil umfasst förderliche Haltungen und Techniken, um prozessorientiert Lerngrundstrukturen in den Kindern auszulösen und zu vertiefen. Lehrpersonen lernen durch den Einsatz eines vermittelnden Lehrstils, immer leichter Lernprozesse in den Kindern auszulösen und zu erweitern. Die Lehrpersonen erfahren in ihrem Selbstbild einen Wandel vom inhaltsorientierten Wissens-Vermittler zum kindorientierten Vermittler von Lernprozessen: Das Kind mit seinen Schwierigkeiten und Erfolgen im Verstehen der Wirklichkeit tritt in den Vordergrund ihrer Lehrtätigkeit.
Motivationsförderung Der Entwicklung einer intrinsischen Motivation kommt innerhalb des "Bright Start" eine besondere Bedeutung zu. Intrinsische Motivation umschreibt eine Motivationsstruktur, in der Kinder ohne äussere Verstärker aus dem Lernen selber Befriedigung ziehen. Intrinsisch motivierte Kinder kann man mit schwierigeren Aufgaben belohnen. "Bright Start" verzichtet möglichst auf andere Belohnungssysteme. Praktische Vorschläge für Lehrperson zur Entwicklung einer intrinsischen Motivation werden vorgestellt, sowie die theoretischen Hintergründe erörtert.
Umgang mit Schwierigkeiten - vom Problem zum Lernfeld Störungen und Schwierigkeiten der Kinder können durch Vermittlungsaktivitäten der Lehrperson in entwicklungsfördernde Lernfelder umgewandelt (umgedeutet) werden. Die nicht ganz leicht zu lernenden Vermittlungsansätze, ihre Grundannahmen und ihre methodische Umsetzung werden in diesem Modul vermittelt und eingeübt.
II. Strukturen des Tages
Grossgruppe Die Grossgruppe ist inhaltlich orientiert (im Gegensatz zur prozessorientierten Kleingruppe). Wie im traditionellen Kreis werden Themen behandelt (beim Bäcker, die Tiere im Wald, usw.). Die Verknüpfung zur Kleingruppe wird geschaffen, indem Lerngrundstrukturen der Kleingruppeneinheiten in den wechselnden Themen vertieft werden.
Freispiel / Werkstatt Im Freispiel vertiefen und üben die Kinder die neu erworbenen Fähigkeiten. Freispiel und Werkstatt werden so strukturiert, dass die Chance steigt, dass die Kinder die Lernstrukturen aus der Kleingruppe einsetzen werden.
Planungszeit (zu Beginn des Tages) und "summary time" (als Abschluss des Tages) helfen den Kindern, den Überblick zu behalten, zusammenzufassen, was wichtig war, bzw. was wichtig sein wird. Im Reflektieren des Tages erfahren die Kinder die Ordnung der Zeit. Der Einsatz von Ritualen in diesen Abschnitten gibt ihnen Sicherheit. Darüber hinaus ermöglichen Planungszeit und "summary time", Lerninhalte vom Elternhaus in die Schule und vom Kindergarten in die Familie oder in die Freizeitaktivitäten zu übertragen.
III. Elternarbeit
Im Handbuch zur Zusammenarbeit Schule-Elternhaus finden sich Strukturen und Vorschläge zur Entwicklung der Zusammenarbeit, um Verständnis und Engagement der Eltern zu fördern. Elternarbeit dient dazu, die Arbeit im Kindergarten, in der Schule nach aussen zu tragen, und sich in der Lehrtätigkeit durch das Umfeld befruchten zu lassen.
Elternhandbuch. Das Elternhandbuch enthält kleine Spiele und andere Aktivitäten für zuhause, welche die im "Bright Start" vermittelten grundlegenden Prozesse prototypisch darlegen. Die Kinder zeigen durch diese kleinen Aktivitäten ihren Bezugspersonen ihre neuerworbenen Fähigkeiten. Diese erfahren die Entwicklungsfortschritte ihrer Kinder. Eine positive Einstellung der Eltern gegenüber der Schule und dem Lernen wird gefördert.
Theoretischer Hintergrund und Grundannahmen
"Bright Start" hat seine Wurzeln in den Entwicklungstheorien der Psychologen Jean Piaget, Lev Vygotsky, Reuven Feuerstein und H. Carl Haywood. Grundannahme des Curriculums ist, dass Kinder grundlegende Strukturen und Prinzipien des Denkens, Lernens und Problemlösens erlernen können, und auch benötigen, um erfolgreich schulisches und soziales Wissen und Können zu erwerben. Schwierigkeiten beim Lernen können entstehen, weil Kinder unpassende, nicht erfolgreiche Denkprozesse anwenden. Kinder entwickeln ihre Denk- und Lernprozesse hauptsächlich auf zwei Weisen: durch tägliches Üben und Ausprobieren und durch Interaktionen mit Erwachsenen oder älteren Kindern. Die Erwachsenen in diesen Interaktionen unterstützen die Kinder, Sinn aus ihren Erfahrungen zu gewinnen. Sie sind Vermittler, gleichsam Katalysatoren zwischen den Kindern und der Welt. Ein entscheidender Teil dieses Curriculums ist der vermittelnde Lehrstil. Er unterstützt, dass Kinder ihre Lerngrundstrukturen entwickeln und in neuen Bereichen und Verhaltensweisen vertiefen. Vermittelnde Lehrpersonen achten vor allem auf die kindlichen Prozesse und Aktivitäten und weniger auf die Inhalte und Produkte. Das Hervorlocken von Denkprozessen, das Besprechen von Lösungsmöglichkeiten, ohne eine richtige Lösung vorzugeben, und das Bridging, das heisst das Transferieren von Lernprozessen in andere, neue Inhalte, sind wesentliche Bestandteile des vermittelnden Lehrstils und der Aktivitäten von Lehrpersonen, die dieses Curriculum umsetzen. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Curriculum wirkungsvoll ist.
Fortbildungs-Workshops
Bevor "Bright Start" eingesetzt wird, ist es wichtig, sich mit der Philosophie und den Methoden der Anwendung auseinander zu setzen. Für viele Lehrpersonen ist es hilfreich, Training zu den verschiedenen Teilen des Curriculums und Unterstützung bei der Einführung in die eigene Praxis zu erhalten, um wirkliche Veränderungen im Lernverhalten der Kinder zu erreichen.
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